Der Tiefpunkt meiner Magersucht

37 kg bei einer Größe von 1,63 m - Der absolute Tiefpunkt meiner Erkrankung.

Es sollte eine schöne Zeit in den Bergen mit meiner Klasse werden, doch es entwickelte sich zu meiner ganz persönlichen Hölle.

Anfang 2014 ging es für mich und meine Stufe zum Ski fahren in die Berge. Ich habe mich so sehr auf diese Klassenfahrt gefreut, denn ich liebe das Ski fahren. Und das war auch der Grund, warum meine Psychiaterin in Bezug auf meinen psychischen und physischen Zustand ein bis zwei Augen zudrückte, sodass ich mitfahren durfte. Die Bedingung war jedoch, dass ich 42 kg auf die Waage bringe. Am Abend der Abfahrt musste ich zum letzten Mal auf die Waage. Ich war zwar nicht ganz bei den 42 kg angekommen, aber da meine Eltern genau wussten, wie viel mir daran liegt, mitzufahren, haben auch sie ihre Augen zugedrückt. 

So fuhr ich also an dem Abend nach Österreich. Meine Lehrer und Lehrerinnen waren alle informiert über meinen Zustand, doch das Schlimme an der Magersucht ist ja, dass keiner irgendetwas tun kann, außer die Person, die an der Krankheit leidet. 

Und so waren meine Eltern, meine Familie, meine Freunde und in diesem Fall auch meine Lehrer machtlos. 

 

Im Unterbewusstsein war mich sicherlich klar, wie diese Klassenfahrt enden würde, dass ich auf jeden Fall abnehmen würde, da ich mir schließlich nichts anderes mehr gewünscht habe, als dünner zu werden. Mein Leben bestand nur aus meinem Körper und dem Abnehmen. Mehr gab es zu der Zeit für mich nicht. 

 

Dünn zu sein, hat jedoch auch einige Nebenwirkungen, wie z.B. das Frieren. Auf einem der Bilder seht ihr mich in meinem Bett liegen. Die Heizung war immer bis auf das Maximum aufgedreht und meinen Freunden war immer  zu warm, sodass sie am liebsten das Fenster aufgemacht hätten, doch ich lag im Bett und war nur am Zittern. Mir war unglaublich kalt und Ich konnte nichts von der Hitze spüren.

Des Weiteren fühlt man sich schwach und kraftlos, was ja auch verständlich ist, bedenkt man, dass ich kaum Nahrung zu mir nahm. 

An einem Abend kam dann eine Lehrerin in mein Zimmer, in ihren Händen eine Banane, ein Glas Wasser und eine Calcium-Tablette. Damit ich am nächsten Tag mit auf die Piste durfte, musste ich diese drei Dinge zu mir nehmen. Alle waren eben besorgt um mich, weil sie schließlich mitbekamen, wie wenig Nahrung ich zu mir nahm. So wenig, dass mir an einem Skitag fast schwarz vor Augen wurde. 

 

Ich habe den Menschen so viel zumuten müssen.

Ganz besonders natürlich meinen Eltern.

Man muss wissen, schlimmer als Magersucht zu haben, ist es, ein Kind zu haben, dass magersüchtig ist. 

Für meine Eltern wird diese Zeit viel viel schlimmer gewesen sein, als für mich.

 

Ich selbst weiß überhaupt nicht, wie schlimm ich wirklich aussah, als wir wieder zuhause ankamen. Ich kann es euch echt nicht sagen, da ich mich komplett falsch wahrnahm. Ich litt schließlich an einer Wahrnehmungsstörung, so der Fachbegriff. Meine Eltern meinten nur, ich hätte halbtot ausgesehen. Leider habe ich von diesem Tag kein Bild, dem Tag, an dem ich gerade mal 37 kg auf die Waage brachte. Dieses Gewicht war für meine Eltern ein absoluter Schock, für ein magersüchtiges Mädchen jedoch ist diese Zahl ein Traum und ein absoluter Erfolg.

1-2 Wochen wurde ich krank geschrieben. 

Das nächste Treffen bei meiner Psychiaterin stand an und mir war klar, dass ich mit einem Bein in der Klinik stand. Das war immer meine größte Angst. Zum Glück habe ich in den zwei Wochen etwas an Gewicht zugenommen, denn die Psychiaterin versicherte mir, dass sie mich sofort in die Klinik eingewiesen hätte, wenn sie über die 37 kg informiert gewesen wäre. 

Meiner Mutter verriet sie noch viel mehr. Sie machte ihr klar, dass ihre Tochter jeder Zeit nicht mehr aufwachen könnte, falls das Herz versagt.

 

Die Zeit der Magersucht war unglaublich hart für mich und mein ganzes Umfeld. 

Jetzt bin ich gesund. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das jemals sagen könnte. Aber ja, ich bin gesund!

Ich habe mit meinem Körper Frieden geschlossen und liebe mich so, wie ich bin.

Und wenn ich zurückblicke, dann bin ich sehr stolz auf mich. Ich habe den Kampf gewonnen und bin nun selbstbewusst, stark, ehrgeizig und endlich wieder glücklich.

 

Auch heute sind Perfektionismus und Magersucht noch ein sehr bedeutendes Thema in unserer Gesellschaft. 

Das zu sehen, macht mich immer sehr traurig und gleichzeitig total sauer. Das Schönheitsideal, was die Medien einem vorgaukeln ist für mich das aller Letzte. Es führt dazu, dass gerade Mädchen anfangen, an sich zu zweifeln. Mit einfachem Abnehmen fängt es an, aber es endet mit einer Sucht. Und dieser Übergang schleicht sich leise, aber so rasend schnell an, dass man nichts dagegen unternehmen kann. 

 

Mein Tipp für alle Mädels da draußen lautet: Akzeptiert Euch so, wie Ihr seid. Seid glücklich und genießt das Leben und lasst Euch Eure Zeit nicht von der Magersucht nehmen! Das Leben ist viel zu schön und Ihr seid viel mehr, als Ihr glaubt, zu sein. 

Euer Körper macht Euch nicht aus! Es sind Eure inneren Werte, die Euch zu dem machen, was Ihr seid. 

 

Eure Janne

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